Burger Clausewitz Jahrbücher

Inhalt

Burger Clausewitz Jahrbuchs 2016

  1. Grußwort des Trägers des Clausewitz Preises der Stadt Burg 2008,   Herrn Prof. Matthias Puhle
  2. Grußwort des Vorsitzenden der Forschungsgemeinschaft,   Clausewitz-Burg e.V. Herrn Dr. Rolf-Reiner Zube
  3. Die Clauswitz-Familie in Burg – kurze Chronologie ,  Bernhard Thüne-Schoenborn
  4. Friedrich Gabriel Clausewitz – Ein Leben voller Widersprüche, Bernhard Thüne-Schoenborn
  5. Der ewige Groll des Königs – Clausewitz Verhältnis zur Königsfamilie,  Bernd Domsgen
  6. Die militärische Karriere des Carl von Clausewitz mit einer Übersicht aller erhaltenen militärischen Ehrungen und Auszeichnungen                       Rolf-Reiner Zube
  7. Marie von Clausewitz und Auguste von Hessen,  Rolf Gädke
  8. Die letzten Jahre der Marie von Clausewitz, erzählt nach Briefen, Erinnerungen und Tagebuchaufzeichnungen, Olaf Thiel
  9. Der 225. Geburtstag des Neffen Carl von Clausewitz ,  Bernd Domsgen
  10. Briefe des Carl von Clausewitz an seinen Neffen Carl,  Bernd Domsgen
  11. Gedenken an einen preußischen General namens     Friedrich von Clausewitz,   Olaf Thiel
  12. Kurt-Albrecht von Kessel – Ehrenmitglied der Forschungsgemeinschaft Clausewitz-Burg e.V., Bernd Domsgen

 

1.

Grußwort des Trägers des Clausewitz Preises der Stadt Burg 2008, Herrn Prof. Matthias Puhle

Der Forschungsgemeinschaft Clausewitz-Burg .V. ist es zu danken für das vorliegende „Burger Clausewitz-Jahrbuch 2016“. Die hier enthaltenen Aufsätze zum preußischen General und Kriegsphilosophen Carl von Clausewitz, der am 01. Juli 1780 in Burg geboren wurde, versuchen weiße Flecken aus dem Leben von Clausewitz zu füllen, um so mehr zu dieser bedeutenden Persönlichkeit, die aus dem heutigen Land Sachsen – Anhalt stammt, zu erforschen und zu publizieren.

So erfahren wir zum Beispiel, das Clausewitz sehr viel Wert auf seine Familie legte und sich in seinen erstmals veröffentlichten Briefen an Familienmitglieder als sehr interessiert am Leben seiner Geschwister und auch an der Zukunft seiner Neffen zeigte. 99 Briefe aus dem Familienbesitz derer von Clausewitz, unter denen sich auch sieben Briefe des Carl von Clausewitz an seinen Neffen Carl befinden, sind der Forschungsgemeinschaft Clausewitz – Burg übergeben worden.

Die sieben Briefe widerlegen die häufig geäußerte Meinung, dass Clausewitz kein größeres Interesse an seiner Familie gehabt hatte, da dies aus dem bisher bekannten Briefwechsel etwa mit Gneisenau oder Scharnhorst nicht hervorging.

Wenn man sich die Briefkultur des 18./19. Jahrhunderts betrachtet, fragt man sich, auf welcher Quellenbasis zukünftige Biographien von heute lebenden Persönlichkeiten geschrieben werden. E-Mails werden ja normalerweise nicht gesammelt.

Auch die anderen Beiträge in dem vorliegenden Jahrbuchs, etwa über das Leben der Gattin von Carl von Clausewitz, Marie von Clausewitz, in den Jahren nach dem Tod des Gatten, bringen uns die Persönlichkeit des berühmten Clausewitz näher und beleuchten sein persönliches und berufliches Umfeld.

Das Land Sachsen – Anhalt hat eine sehr reiche und vielgestaltige Landesgeschichte, die noch längst nicht erschöpfend erforscht worden ist, was seine Ursachen auch darin hat, das kein Institut und auch keine Professur für Landesgeschichte an einer der beiden Universitäten im Lande gibt. Umso wichtiger sind lokale Forschungen vor Ort, die sich mit den spezifischen Themen der Orts-, Persönlichkeits-  und Landesgeschichte befassen. Es ist daher von größer Bedeutung, dass sich die Forschungsgemeinschaft Clausewitz-Burg gebildet hat und die Spuren des berühmten preußischen Generals nachzuzeichnen versucht, damit man auch in seiner Vaterstadt im Land Sachsen –Anhalt die Persönlichkeit würdigt, die mit ihrem Werk „Vom Kriege“ nicht nur eine strategische Schrift über den Krieg verfaßt hat, sondern vor allem in der Wesensbeschreibung des Krieges zu den Schluss gekommen ist, dass das Militär der Politik unterzuordnen sei. Damit wurde Clausewitz Vordenker moderner staatlicher Strukturen, denen bis heute dieses Prinzip zugrunde liegt.

Professor Dr. Matthias Puhle, Historiker

Magdeburg, im September 2016

 

2.

Grußwort des Vorsitzenden der Forschungsgemeinschaft    Clausewitz – Burg e.V.

 „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“     Helmut Kohl, 01. Juni 1995

 Liebe Leser des nunmehr schon zweiten „Burger Clausewitz Jahrbuches“, herausgegeben von der Forschungsgemeinschaft Clausewitz – Burg e.V., Sie werden mir sicher zustimmen, wenn ich behaupte – an Büchern von und über Carl von Clausewitz herrscht im 20. Jahrhundert wahrlich kein Mangel mehr. Sie werden sich deshalb berechtigter Weise fragen, was kann man denn heute noch Neues über Carl von Clausewitz und seine Familie erfahren und herausfinden.

Doch im Leben der Familie Clausewitz gibt es noch viele weiße Flecke. Bei seinem letzten Besuch in Burg ermutigte der international renommierte  Clausewitz-Forscher Peter Paret  die Burger Forschungsgemeinschaft, gerade das Leben des Carl von Clausewitz und seiner Familie weiter zu erhellen. Und auch Vanya Eftimova-Bellinger hat den Eindruck, dass wir bei der Erforschung des Lebens der Familie Clausewitz „erst am Anfang stehen“.

Die Forschungsgemeinschaft Clausewitz-Burg e.V. hat sich deshalb die Aufgabe gestellt das Leben der Burger Familie Clausewitz vor allem unter Auswertung der aktuellsten bekanntgewordenen Unterlagen näher zu erforschen.

Lassen Sie sich deshalb beim Lesen der nächsten Seiten überraschen, wie vielfältig, interessant und auch kontrovers gegenüber den bisherigen Meinungen über das Leben von Clausewitz die neuesten Erkenntnisse sein können. Mich selbst erstaunt immer wieder, wie vielfältig die neuen Quellen sind, welche erst jetzt erschlossen werden und uns damit völlig neue Erkenntnisse vermitteln können. Aus dem Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt, dem sogenannten „Fischbacher Archiv“ konnten wir Teile des bisher unbekannten Schriftverkehr zwischen Marie von Clausewitz und der Prinzessin Marianne von Preußen aus den Jahren zwischen 1807 – 1835 erwerben.

Durch die Recherche von Bernd Domsgen in Seifersdorf stieß er auf ebenfalls bisher noch unbekannte Briefe von Marie von Clausewitz an den preußischen Hochadel. Auch diesen Schriftverkehr haben wir digitalisieren lassen und teilweise erworben.

Lassen Sie sich beim Lesen der Beiträge auch davon überraschen, welche Geheimnisse Bernhard Thüne – Schoeborn den hiesigen Archiven über die Großeltern der Clausewitz Geschwister mütterlicherseits entlocken konnte. Nur soviel vorab, der Mythos des Amtmanns von Schricke als Großvater Carls dürfte damit zu Grabe getragen werden. Die Autoren Domsgen und Zube versuchen im vorliegenden Jahrbuch zu belegen, das es den „ewigen Groll Friedrich Wilhelms III“. gegenüber Clausewitz so nicht gegeben hat und Clausewitz zu seiner Zeit, entgegen anderer Meinungen, eine durchaus rasche militärische Karriere nahm.

Der Beitrag von Olaf Thiel über den Tod von Marie von Clausewitz führt uns eindrucksvoll das Schicksal dieser so starken Frau, anhand von zeitgenössischen Dokumenten, nach dem Tode ihres Mannes vor Augen.

Ich schulde allen beteiligten Autoren dieses Jahrbuches großen Dank für ihre vorliegenden Arbeiten.

In diesem Sinne wünschen ich Ihnen viel Freude und neue Erkenntnisse beim Lesen des Clausewitz – Jahrbuches 2016.

 

Dr. Rolf-Reiner Zube                                                                               Forschungsgemeinschaft Clausewitz – Burg e.V.      Vorsitzender

 

 

Bern Domsgen

Der ewige Groll des Königs – Clausewitz`s Verhältnis zur Königsfamilie

Die Forschungsgemeinschaft Clausewitz-Burg e.V. hat sich die Aufgabe gestellt das Leben der Burger Familie Clausewitz näher zu erforschen.  Im Leben der Familie Clausewitz gibt es noch sehr viele weiße Flecken. Bei seinem Besuch in Burg ermutigte der Clausewitz-Forscher Peter Paret  die Burger, gerade das Leben des Carl von Clausewitz und seiner Familie weiter zu erhellen.. Und auch Vanya Eftimova-Bellinger hat den Eindruck, dass wir bei der Erforschung des Lebens der Familie Clausewitz „erst am Anfang stehen“.

Die Biographie von Karl Schwartz aus dem Jahre 1878 „ Das Leben des Generals Carl von Clausewitz und der Frau Marie von Clausewitz, geb. Gräfin von Brühl“ ist ein erster Versuch das Leben des Burger Sohnes zu beleuchten. Aber wie schon Hans Rothfels in seinem Buch „Carl von Clausewitz – Politik und Krieg „ im Jahre 1920 schrieb:„ Das ältere Werk von Schwartz ist durch den Reichtum an Material noch heute ganz unentbehrlich, die Darstellung ist voll von Irrtümern und genügt höheren Ansprüchen  in keiner Weise.“

Diese Irrtümer setzen sich bis in die heutigen Tage fort. So beging der WDR den                235. Geburtstag des Carl von Clausewitz am 1.06.2015. Unterstützt wurde die Sendung von Andreas Herberg-Rothe. Beatrice Heuser gibt ebenso in ihrem Buch „Clausewitz lesen“          ( erschienen 2005 ) das Geburtsdatum mit 1.Juni an. Als Direktorin des MGFA in Potsdam sollte sie es besser wissen. Statt Klarheit zu schaffen bildeten sich gerade in den 30-iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch neue Legenden heraus.Ich meine damit die Thesen der „Abschiebung des Carl von Clausewitz an die Kriegsschule“ und „ den ewigen Groll“ des Königs Friedrich Wilhelm III. Clausewitz gegenüber.Gerhard Scholtz lässt in seiner Novelle „Reich mir Deine Hand – Carl und Marie von Clausewitz“, welche 1939 erstmalig veröffentlicht wurde,  unseren Carl sagen: „Wir leben in Permanenz unter der allerhöchsten Ungnade, …“

Konnte Olaf Thiel in seinem Vortrag „ Clausewitz Weg an die Kriegsschule „ ( Burger Clausewitz-Jahrbuch 2015 ) vorbildlich an Hand der vorhandenen Dokumente nachweisen, dass die Abschiebung wirklich eine erfundene Legende ist, und Carl von Clausewitz selbst bemüht war an die Kriegsschule nach Berlin zu kommen, so werde ich mich der anderen These widmen.

Woher rührt nun eigentlich „der ewige Groll des Königs“?

Die Vertreter dieser These führen das Argument an, dass der König es ablehnte im Frühjahr 1813 Carl von Clausewitz in die preußische Armee wieder aufzunehmen.

Carl von Clausewitz äußerte diesen Wunsch seinen Freunden Scharnhorst und Gneisenau gegenüber. War dieser Wunsch allerdings realistisch?                        Noch nie hatte während der Kriegshandlungen ein hoher Offizier die Uniform gewechselt. Des weiteren hatte Carl von Clausewitz seit 15. November 1812 eine Dienststellung als Generalquartiermeister der russisch-deutschen Legion, welche allerdings noch im Entstehen war. Warum sollte der König in diesem Moment zum Zaren betteln gehen? Selbst Scharnhorst sah dies nur als Versuch an. Am 19. März 1813 schrieb er seiner Tochter: „Ich habe den Versuch gemacht, Clausewitz in Dienst zu ziehen; glückt es, so wird die Sache mit Fritz den auch gehen, …“

Fritz    –  Friedrich von Dohna, Schwiegersohn Scharnhorst, dient als Regimentskommandeur in der Russisch-deutschen Legion, war als Major an der Konvention von Tauroggen auf russischer Seite beteiligt

Gehen wir zurück ins Jahr 1811. König Friedrich Wilhelm III. schickt Scharnhorst in einer geheimen Mission zum Zar Alexander I. nach Petersburg.  Auf Scharnhorsts Vorschlag sollen befähigte Offiziere der preußischen Armee in die russische übernommen werden.  Ulrich Marwedel ist einer der Wenigen, der dies in seinem Artikel „Carl von Clausewitz und das Jahr 1812“ erwähnt. Ich zitiere: „Überdies hatte Scharnhorst schon bei seiner geheimen Mission nach Petersburg im Herbst 1811 die jetzt eingetretene Möglichkeit vorausgesehen und Vorbereitungen für die reibungslose Übernahme befähigter Offiziere in russische Dienste getroffen.“ Bei dieser Mission begleitete ihn sein Adjutant Karl von Tiedemann. Dieser war dann auch einer der Ersten, welcher von der Möglichkeit Gebrauch machte, in die russische Armee zu wechseln, um gegen Napoleon zu kämpfen.

Im März 1812 legte Carl von Clausewitz den Unterricht an der Kriegsschule nieder. Sicherlich hat er dabei in Grundrissen seine Beweggründe angegeben. Gleichzeitig wurde auch der Unterricht beim Kronprinzen abgebrochen. Der Gouverneur des Kronprinzen bedankte sich mit folgendem Brief: „Ew. Hochwohlgeborenen haben bei Ihrem dem Kronprinzen K.H. bisher gegebenen militärischen Unterricht so unendlich viel geleistet und sich durch  Ihre dabei entwickelten Kenntnisse meine uneingeschränckte Achtung in einem so hohen Grade erworben, dass ich mit dem lebhaftesten Bedauern die Unterbrechung dieses Unterrichts aus Ihrer mir gestern gegebenen  Benachrichtigung ersehen habe. Auch der Kronprinz theilt recht aufrichtig  diese Gefühl mit mir …: er erkennt es übrigens mit  dem wärmsten Dank, dass Sie ihm Ihre Ansichten über die Kriegskunst zurücklassen die Gefälligkeit haben wollen, und es wird ihn, ich betheure es Ihnen, ein sehr wertes Vermächtnis sein“. ( Schwartz , Bd. I, S.325 Brief Gaudis an Clausewitz 26.03.1812 )

Hier wird nicht nur förmliche Höflichkeit an den Tag gelegt, aus dem Brief wird in erster Linie Anerkennung und Lob aus dem Umfeld des Königs zum Ausdruck gebracht.

Wir wissen, dass der König auch später Clausewitzens Fähigkeiten nutzen wird zur Erziehung und Bildung des Kronprinzen.

Am 18. April 1812 reichte Carl von Clausewitz seinen Abschied ein. Der König gab dem Gesuch mit einem einzigen, kühlen Satz statt.Auch Scharnhorst reichte seinen Abschied ein. Dessen Abschiedsgesuch wurde dagegen durch den König abgelehnt und mit unbefristeter Beurlaubung beantwortet.

Der Übertritt in die russische Armee soll Sanktionen gegen Carl von Clausewitz nach sich gezogen haben. Er selbst schreibt in seinem Brief an seine Frau Marie am 29.10.1812: „ Ich höre, dass mir bei Euch der Prozeß gemacht wird. Ich habe die einzige Furcht, dass Dir und meinen Brüdern auf die eine und andere Art daraus Unannehmlichkeiten entspringen möchten, sonst würde es mir ziemlich gleichgültig sein.“….

Marwedel schreibt, dass das Berliner Kammergericht ihn am 20. August 1812 vorlud und im Falle des Nichterschein es mit schweren Strafen drohte. Gleichzeitg vermerkt Marwedel : Die rechtliche Grundlage für diese Verfahren gab ein Edikt gegen den unerlaubten Eintritt in fremde Kriegsdienste  ab .  .. Diese am 18.06. und am 2.07.1812 erlassenen Bestimmungen waren aber erst nach Gewährung des Abschiedsgesuches Clausewitz`s und nach Ausbruch des Krieges ergangen und hätten somit aus juristischen Gründen keine Anwendungen auf ihn finden dürfen.“

Welche Strafen wurden denn nun verhängt?

Lesen wir doch einmal, was eine Beteiligte zu den Vorwürfen sagt. Marie von Clausewitz schrieb am 13. Dezember 1812 aus Tetschen an ihren Ehemann:

„Nun, mein theurer Freund, muß ich Dir einige Worte sagen über das was Dich betroffen und bei uns vorgefallen ist. Die Nachricht meines Hofverbotes ist ganz unbegründet, die deines Prozesses ist wenigstens voreilig. Ich lege aus der Berliner Zeitung drei gerichtliche Vorladungen bei die Du doch in ganz glimpflichen und weinerlichen Ausdrücken abgefasst finden wirst, und das ist alles was bis jetzt offiziel geschehen ist. Eine ganz gleichlautende Aufforderung ist auch an Chasot ( 1 )ergangen, ihr seid soviel ich weiß , die einzigen, weil zufällig in der letzten Pr.Zeitung die vor dem Anfang des Krieges noch durchkam nur eure Anstellung erwähnt und dadurch offiziel bekannt wurde. Einen Augenblick fürchtete ich selbst die Sache würde eine andere Wendung nehmen, es wurde entsetzlich viel geklatscht wie das in einem Ort wo nun die Schlechten allein die Oberhand  und das große Wort behielten natürlich der Fall sein musste, und selbst unter der unwürdigen Umgebung des Königs hieß es , dass man Deine Reise nach den schlesischen Festungen kurz vor dem Abschiede als eine förmliche Verätherei behandeln und bestrafen wird.  …. Nachher erfuhr ich , dass der alte Narr der die Husaren ( 2 )visitieren lässt an dem ganzen Gereden Schuld gewesen  und sich auf diese Art über Dich geäußert hatte, er soll auch wirklich dem Könige eine solche Anklage eingereicht haben, die eben dieser , wenn die Sache begründet ist, wahrscheinlich nach Verdienst beurtheilte, denn es ist nichts geschehen als diese Vorladung. … HL Haug ( 3 ) hat sich gegen mehrere Personen sehr freundlich über Dich geäußert, dass der Monarch innerlich etwas ergrimmt ist,

bezweifele ich nicht so wenig er es vernünftiger Weise seyn sollte, indessen hat er es doch bis jetzt auf keine Weise zu erkennen gegeben , über die wir uns besonders beklagen könnten. „

1 Graf Ludwig von Chasot ( 1763 – 1813 ) ehemals Stadtkommandant von Berlin

2 Karl Friedrich von dem Knesebeck ( 1768 – 1848 ) – seit 6. März 1813 Generaladjutant beim König

3 Haug   Deckname für den Staatskanzler  Karl August von Hardenberg ( 1750 – 1822 )

Wir sehen Marie von Clausewitz kann sich nicht über den König beklagen – während die „Schlechten“ ( Knesebeck , Freiherr Georg von Valentini und Johann Ancillon und andere ) doch Stimmung gegen Clausewitz machten. Ein Verfahren im Namen des Königs gegen Carl von Clausewitz gab es nie.

Das Leben und Wirken des Carl von Clausewitz in den Jahren 1812 und 1813 haben Peter Paret und auch Rolf-Reiner Zube in ihren Werken und Vorträgen umfangreich gewürdigt (Tauroggen, Göhrde usw.).

Ich möchte einmal ganz kurz auf die Aufzeichnungen des 16-jährigen Prinzen Wilhelm (späteren Kaiser Wilhelm) vom 2.-4. Januar 1813 eingehen. Er spricht hierbei über Tauroggen.  Prinz Wilhelm schreibt, dass sein Vater in eine „gehobene Stimmung“ versetzt wurde und er nur auf Grund der Besatzer nach außen anders reagieren musste.. „ Es war also notwendig, dass der König seine  – scheinbare – Missbilligung über die Capitulation öffentlich und energisch aussprach.“ ( Das Befreiungsjahr 1813, Julius Pflugk-Hartung, Berlin 1913 )

Kann es sich auch so mit den Preußen in russischen Diensten verhalten haben?

Kommen wir deshalb ins Jahr 1814. Als erstes möchte ich einen Brief des Generals Gneisenau an seinen Freund Carl von Clausewitz zitieren. Dieser Brief  wird bei den Verfechtern der „Groll“-These einfach negiert. Am 4. Januar 1814 schreibt Gneisenau:

„Was Ihre Person betrifft, so waren sie dazu bestimmt, Chef des Generalstabes eines der deutschen Korps zu werden. Der König selbst hatte Sie den Herzog von Coburg empfohlen. Der Kaiser von Russland indessen verweigerte Sie, indem er meinte, Sie wären an Ihrem jetzigen Posten unentbehrlich. So ist also abermals einer meiner Pläne gescheitert.“

Wir sehen der König wollte Carl von Clausewitz wieder in die preußische Armee haben und stieß dabei auf den Widerstand des Zaren Alexander I. Hatte der König hier seinen Groll vergessen?

Im 12. April 1814 schreibt Carl von Clausewitz seiner Frau Marie, dass er den König bitten werde ihn als Oberst in die preußische Armee zu übernehmen.

Als er diesen Brief schrieb war allerdings die Ordre des Königs Friedrich Wilhelm III.  vom 11. April 1814 schon unterwegs. Carl von Clausewitz wird als Oberst übernommen.

Am 1. Juni 1814 wird die gesamte russisch-deutsche Legion in die preußische Armee übernommen. Da der Kommandeur Walmoden abkommandiert wird führt Carl von Clausewitz ab diesen Zeitpunkt diese Truppe. Keine leichte Aufgabe steht vor ihm, der zusammengewürfelte Haufen muß sortiert werden.

  • die Russen werden in Richtung Warschau in Marsch gesetzt
  • schwierig ist es mit den Sachsen – der Wiener Kongreß muß noch entscheiden wer Sachse ist und wer inzwischen Preuße
  • besonders um die Bayern bemüht sich Carl von Clausewitz – diese nach Hause zu schicken ist mit Schwierigkeiten verbunden , da sie in der Heimat als Vaterlandsverräter gelten
  • die Preußen werden dem 3. Armeekorps angeschlossen

Am 1. April 1815 wird Carl von Clausewitz als Generalquartiermeister des 3 Armeekorps unter General Thielemann eingesetzt. Damit gehört er zur Elite der preußischen Armee. Und wer zur Elite gehört, bestimmt der König.

Nach dem Sieg über Napoleon waren es gerade die Offiziere, welche in der russischen Armee gedient hatten, denen eine große Karriere bevorstand.

Auch Marwedel gesteht ein : „ Es ist immerhin auffällig, dass die Mehrzahl der zusammen mit Clausewitz im Frühjahr 1812 aus dem preußischen Dienst ausgeschiedenen Offiziere später zu wesentlich günstigeren Bedingungen wiederaufgenommen wurden.“

Karl Wilhelm von Grolman verlässt Spanien im Range eines Oberst, er wird als Major in Preußen wiederaufgenommen. Otto Rühle von Lilienstern nimmt in der sächsisch-weimarischen Armee als Oberst seinen Abschied und wird als Major durch König Friedrich Wilhelm III. in die preußische Armee übernommen.

Die ehemaligen russischen Oberste Carl von Clausewitz, Ferdinand Wilhelm von Stülpnagel und Ernst von Phuel werden als Oberste in preußische Dienste wieder übernommen und werden 1818 durch den König zum Generalmajor befördert. Der Direktor der Studienkommission Rühle von Lilienstern muß da noch 8 Jahre warten.

Nach den Napoleonischen Kriegen verschlug es Carl von Clausewitz nach Koblenz.

Im Juli und August 1817 erhält Carl von Clausewitz die Aufgabe den Kronprinzen  vier Wochen lang die Rheinprovinzen zu zeigen. Der Vorschlag kam vom Kriegsminister  Herrmann von Boyen und der König hat dies abgesegnet.  Gneisenau schreibt am 6.07.1817 an Clausewitz – das Verhältnis von Clausewitz zu dem Erzieher des Kronprinzen Johann Ancillon kennend:

Ancillon wird Ihnen freundlich entgegenkommen: ich wünsche das sie ein gleiches thun …“  Die Antwort an Gneisenau vom 26. August 1817 nach der Visite des Kronprinzen lautet: „ Was meine Person betrifft so habe ich den immer nicht geringen Vortheil gehabt mich in dem Gedächtniß des künftigen Herrschers zurückgerufen zu sehen.

Bei dem sehr kleinen Zirkel seiner bloßen Umgebungen, in welchem wir des Abends uns oft befanden , hat vielleicht meine Gesellschaft den Vortheil gehabt ein wenig mehr Mannichfaltigkeit und gute Laune hervorzubringen und so darf ich glauben , dass er mir wirklich so freundlich zugethan ist wie sein Abschied zu erkennen gab. … Ancillon ist mir freundlich entgegengekommen und ich habe in dem Augenblick auch ganz unbefangen freundlich zu ihm seyn können.“

Im Jahre 1818 wird durch den Tod des Generals Boguslawski der Stuhl des Direktors der Allgemeinen Kriegsschule vakant. Gneisenau und Carl von Clausewitz freunden sich mit der Idee an Carl nach Berlin zu holen. Auf eigenen Wunsch wird Carl von Clausewitz durch den König zum Direktor der Allgemeinen Kriegsschule ernannt. Vorher erhält er allerdings noch den Befehl das 3-Königstreffen in Aachen sicher zustellen.

Hier muß man ganz laut die Frage stellen, warum nimmt der König für diese politisch sehr wichtige Aufgabe gerade den „Ungeliebten“ Clausewitz?

Es wird immer wieder betont, dass Carl von Clausewitz als Direktor  der Allgemeinen Kriegsschule nur administrative und erzieherische Aufgaben zu erfüllen habe. Er habe keinen Einfluß auf die militärische Entwicklung in Preußen gehabt.                                                    Ist das wirklich so?                                                                                                               Schon vor Antritt seines Dienstes in Berlin schreibt er eine Denkschrift zur Bedeutung der Allgemeinen Kriegsschule an den Kriegsminister Boyen. Einiges kann er ändern. So wird der Direktor der Allgemeinen Kriegschule1821 Mitglied des Generalstabes.

Es war doch aber gerade wieder Carl von Clausewitz, der vom König den Auftrag erhält den Kronprinzen wieder zu unterrichten. In der Schaltstelle der Macht soll er sein Wissen anbringen. Wo kann man noch effektiver sein Einfluß geltend machen ?

Der Kronprinz wünschte diesen Unterricht. Aus dem Schriftverkehr zwischen Carl von Clausewitz und Karl von der Groeben vom 3. Januar 1829 wissen wir , das es Clausewitz war, der gern diese Vorlesungen beenden wolle , da er befürchte , dass er den Kronprinzen langweile. Sein Freund Groeben, warnte ihn vor so einem Entschluß. Die Vorlesung des Feldzuges von 1796, auf die sich der Brief bezog, fand dann doch auf Wunsch des Kronprinzen statt. Jeweils montags und donnerstags 10.00 Uhr , ab 8. Januar 1829. Auch Prinz Wilhelm nahm daran teil. Nach seinem Zeugnis hat Clausewitz schon im Jahre 1827 mehrere Vorlesungen gehalten.

Der Fürstin Luise von Radziwill schrieb Prinz Wilhelm am 20. Januar 1827:

„Ich passiere fast den ganzen Tag beim Butt (1), denn viermal die Woche höre ich mit ihm Rechtsvorträge bei Lancizolle (2) und militärische Vorträge bei Clausewitz.“

1 Butt – Wilhelms Kosename für den Kronprinzen Friedrich Wilhelm

2 Karl Wilhelm Lancizolle, Geheimer Rath

 

Im Jahre 1819 versucht Carl von Clausewitz den Posten als Gesandter in London zu bekommen. Dieses Projekt ist gescheitert. Peter Paret hat in seinem Artikel „Bemerkungen zu dem Versuch von Clausewitz zum Gesandten in London ernannt zu werden“ die englische Seite beleuchtet, während Harald Müller die Bedenken und Intrigen der Habsburger erläutert. Eine schöne Zusammenstellung hat dann Olaf Thiel aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen erarbeitet. Drei Auszüge daraus möchte ich für das heutige Thema nutzen.Varnhagen von Ense in seinen Aufzeichnungen vom 2. Dezember 1819: „.General Clausewitz nach London ernannt.“

Interessant der Brief des Schwagers F.A.L. von der Marwitz vom 21. Dezember 1819 an seine Tochter Fanny, welche sich bei den Clausewitzens in Berlin befand.  „Daß Ancillon und andere, gegen diese Sendung kabalieren, glaube ich gern. Sie werden wohl in ihrer vortrefflichen diplomatischen Schule noch einige Jordans, Le Forq`s, Balan`s , Catel,´s und dergleichen vorräthig haben, welche einen Posten weit besser verstehen würden , zu welchem nach ihrer Meinung weder Carakter noch Ehrgefühl, sondern nur Geschmeidigkeit, guter Trinkstyl, Mantelträgerei und niedrige Schlauheit erforderlich sind…“

Wie sieht es nun der Ausgewählte?.                                                                                         Carl von Clausewitz schrieb am 26. Dezember 1819 an seinen Freund Karl von der Groeben.

„Meine Ernennung ist noch nicht erfolgt, und bis jetzt ist es noch ein bloßer Vorschlag des Grafen Bernstorff, der beim Staatskanzler liegt. .. Der König hat sich vorläufig für mich erklärt, der Staatskanzler und Graf Bernstorff hatten mir davon gesprochen, es war also nicht ganz leicht, umzukehren. Dieses Umkehren könnte nun dadurch veranlasst werden, dass Ancillon, der englische Gesandte und der Herzog von Kumberland sich für den Herrn von Werther erklärt haben und dass bei dem Gerücht von meiner Wahl das ganze diplomatische Corps mit Ausnahme von einigen wenigen gemurrt hat. Der Staatskanzler scheint sich nicht irre machen lassen zu wollen, aber Ancillon versucht die Sache im Kabinett zu hintertreiben. …Wäre der König nicht schon gefragt worden, so würde ich meinem Gefühl folgen und dem Staatskanzler schreiben, dass ich, weil ich eine Unentschlossenheit in Rücksicht meiner Wahl bemerke, das mir gemachte mündliche Anerbieten freiwillig zurückgebe. …“

Wir sehen, auch in dieser Episode spielt der König keine negative Rolle.

Zu Weihnachten des Jahres 1826 traf sich Carl von Clausewitz mit seinen Brüdern Friedrich Volmar und Wilhelm Benedikt.  Dabei beschlossen, sie ein Gesuch an den König Friedrich Wilhelm III. zu richten, mit der Bitte Ihren Adel zu erneuern. Am 28. Januar 1827 reichen sie das Gesuch ein und schon 3 Tage später erhalten sie das Antwortschreiben des Königs.

 

„Bei den in Ihrem Schreiben vom 28. d.M. vorgestellten Umständen will ich ihnen und ihrem Ältesten, als Steuer-Rat in Duisburg angestellten Bruder, bisher geführten Adel hierdurch bestätigen, und mag Ihnen dies zur Legitimation über den rechtmäßigen Besitz des Adels dienen

Berlin , den 31. Januar 1827   gez. Fr. Wilhelm

An den Generalmajor und Kommandeur der 9. Infanterie-Brigade v. Clausewitz 1.

An den Obristen und Kommandeur der 19. Landwehr-Brigade von Clausewitz 2.

Und den Generalmajor von Clausewitz 3., Milit. Direktor der Allgemeinen Kriegsschule

Sicherlich hat der König seinen Groll vergessen, dass er in so kurzer Zeit geantwortet hat.

Carl von Clausewitz schreibt an seinen Neffen Carl (Sohn seines Bruders Gustav Marquardt) am 28. März 1827: „ wie ich dem König nie genug danken kann für die menschliche Rücksicht, die er auf unsere Verhältnisse genommen hat. „

Carl von Clausewitz starb im 51. Lebensjahr. Ist die Cabinetsordre des Königs Friedrich Wilhelm III.  doch sehr förmlich, so ist der Brief des Kronprinzen Friedrich Wilhelm vom 19. November 1831 an die Witwe doch sehr persönlich:

„ …Erwarten Sie daher nicht , theuerste, gnädigste Frau, ich darf wohl mit altem Recht auch sagen , verehrte Freundin!, fürchten Sie nicht , dass ich Sie hier  mit einem Condolenz- und Trostbriefe betrüben will: ich muß Ihnen nur sagen, dass ich mit Ihnen tiefes Leid trage, dass durch Ihren Verlust auch mein Herz zerrissen ist,  weil ich meinen treuen, lieben Freund betrauern muß. …“

 

 

Schluß:

Ulrich Marwedel schreibt in seinem Artikel zu dem ewigen Groll des Königs  – zweifelnd

: „über die Motive, die Friedrich Wilhelm III. im einzelnen geleitet haben, besteht freilich noch keine Klarheit. „

 

Ich glaube da wird man auch nach 200 Jahren keine Klarheit finden. Denn den „ewigen Groll“ des König Friedrich Wilhelm III. gibt es einfach nicht. Carl von Clausewitz hat ihn auch nicht gespürt.

Sicherlich war Carl von Clausewitz mit vielen Entscheidungen des Königs nicht einverstanden. Wie sein Wunsch im Frühjahr 1813 wieder in die preußische Armee übernommen zu werden. Aber wenn man die Geschichte der preußischen Reformer kennt, ist die Entscheidung des Königs nachvollziehbar – und kein Groll, der sich bis an das Lebensende fortsetzte.

Dank des Königs Friedrich Wilhelm III. erhielt auch Marie von Clausewitz wieder eine wichtige Anstellung im Königshaus. Sie wurde Hofmeisterin bei der Prinzessin Auguste, der Ehefrau des Prinzen Wilhelm, dem späteren Kaiser Wilhelm I.

 

Aus all den geschichtlichen Dokumenten lese ich eine Achtung des Königshauses gegenüber der Familie Carl und Marie von Clausewitz heraus. Wer es anders sieht , möge mir seine Gedanken zukommen lassen.

Literatur:

  1. Ulrich Marwedel, „Carl von Clausewitz und das Jahr 1812“ , in :Militärgeschichte, Militärwissenschaften und Konfliktforschung, Osnabrück 1977
  2. Pertz/Delbrück, „Das Leben des Feldmarschalls Grafen Neidhardt von Gneisenau“ 5 Bde, Berlin 1864 – 1880
  3. Karl Schwartz, „Das Leben des Generals Carl von Clausewitz und der Frau Marie von Clausewitz, geb. Gräfin von Brühl“, Berlin 1878
  4. Hans Rothfels, Carl von Clausewitz – Politik und Krieg, Berlin 1920
  5. Karl Linnebach, Scharnhorsts Briefe, München 1914
  6. Peter Paret, „Clausewitz und der Staat“, Bonn 1993
  7. Peter Paret, „ Bemerkungen zu dem Versuch von Clausewitz zum Gesandten in London ernannt zu werden“, Jahrbuch für Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, BandXXVI 1977
  8. Eberhard Kessel, „Carl von Clausewitz, Herkunft und Persönlichkeit“ in : Wissen und Wehr 1937
  9. Harald Müller, Der Streit um die Entsendung Clausewitz` als preußischer Gesandter nach London 1819, Militärgeschichte (DDR) 3/1990
  10. Julius Pflugk-Hartung, „Das Befreiungsjahr 1813“, Berlin 1913
  11. Gerhard Scholtz, Reich mir deine Hand – Carl und Marie von Clausewitz, Heilbronn 1939
  12. Eberhard Kessel, Die Enstehungsgeschichte von Clausewitz`Buch „Vom Kriege“ , In: Militärgeschechichte und Kriegstheorie in neuerer Zeit, Berlin 1987
  13. Kurt Jagow, Jugendbekenntnisse des Alten Kaisers, Leipzig 1929
  14. Burger Clausewitz Jahrbuch 2015
  15. Korrespondenz mit Vanya Eftimova-Bellinger
  16. Privatarchiv Bernd Domsgen und Olaf Thiel
  17. Beatrice Heuser, Clausewitz lesen!,  München 2005

 

 

Rolf-Reiner Zube

Die militärische Karriere des Carl von Clausewitz mit einer vollständigen Übersicht aller erhaltenen militärischen Ehrungen und Auszeichnungen

 1. Clausewitz Eintritt in die preußische Armee

Der junge Carl v. Clausewitz wußte schon frühzeitig von seinem vorgesehen Eintritt in das preußische Heer. Der Vater, Friedrich Gabriel Clausewitz, beabsichtigte Carl in dem angesehenem Infanterie-Regiment Prinz Ferdinand  (Nr. 34) unterzubringen.

Im Mai 1792 verließ Vater Gabriel mit Carl deshalb Burg, um seinen jüngsten Sohn in Potsdam, in die Stammrolle des 34. Infanterie-Regiments einzuschreiben.

Im Frühsommer 1792 begann der Dienst Carl v. Clausewitz als Gefreiten – Korporal (Fahnenjunker) in diesem Regiment. Carls älterer Bruder Wilhelm diente zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre in dem damaligen, elitären Infanterie-Regiment  (das Infanterie-Regiment Prinz Ferdinand rangierte damals an vierter Stelle nach den drei Garderegimentern).

Das genaue Datum, an dem Clausewitz in die Armee eintrat, ist nicht bekannt. Aus einem Brief vom 02. Juni 1807 an Marie von Brühl geht hervor, daß es vor dem 01. Juni 1792 gewesen sein muß.

Er schreibt: „Aber seit meinem Eintritt in die Welt (Clausewitz geht noch vom 01.Juni 1780 als sein Geburtstag aus) bin ich gewohnt, diesen Tag oft durch etwas Glückliches bezeichnet zu sehen. Im 12. Jahre vertauschte ich an diesem Tage das wollene Feldzeichen mit dem silbernen, im 13. wurde ich vor Mainz Offizier (Fähnrich), …“.                                                                       Daraus läßt sich schließen, daß Carl schon vor dem 01. Juni 1792 Armeeangehöriger, mit einem wollenen Feldzeichen, gewesen sein muß. Zum 01. Juni 1792, seinem angenommenen 12. Geburtstag, erhält er dann das silberne Feldzeichen des Gefreiten – Korporals.

Stationierungsort des Infanterie-Regiments Prinz  Ferdinand war damals Neuruppin, nördlich von Berlin gelegen. Die Kaserne für das Infanterie- Regiment wurde im Jahre 1775, als nur 7 Jahre vor dem Diensteintritt von Carl von Clausewitz, in Neuruppin errichtet und bezogen.

Exkurs:

Das damalige Unteroffizierskorps setzte sich aus Korporalen, Sergeanten und Gefreiten-Korporalen zusammen.

Anders als die Korporale und Sergeanten, hatten die Gefreiten-Korporale eine besondere Stellung innerhalb der preußischen Armee inne, weil sie sowohl Fahnenträger als auch gleichzeitig Offiziersanwärter und deshalb in aller Regel von adliger Herkunft waren. Dem Gefreiten-Korporal kam die Aufgabe zu, beim Exerzieren, bei Truppenrevuen, auf dem Marsch und im Gefecht die Truppenfahne zu tragen.

Für die zukünftigen preußischen Offiziere gab es zwei Möglichkeiten in die Armee aufgenommen zu werden.

Entweder traten die jungen Adligen als Gefreiten-Korporale direkt in die Armee ein oder sie durchliefen zunächst eine Kadettenausbildung, hierfür gab es im damaligen Preußen spezielle Kadettenschulen.

Häufig wird die Frage gestellt, war denn Carl von Clausewitz mit seinen 11 Jahren nicht viel zu jung für den Eintritt in die Armee und den Militärdienst. Das mag aus heutiger Sicht durchaus so anmuten. Für das 18. Jahrhundert galten allerdings andere Regeln und Gewohnheiten. So begann der Unterricht für die jungen Kadetten in der Regel zwischen dem 10. und 11 Lebensjahr. Als Gefreiten-Korporal traten die jungen Offiziersanwärter meist zwischen dem 14. und 15. Lebensjahr ihren Dienst in der Armee an, nicht jedoch vor dem 12. Lebensjahr.

Die militärischen Laufbahnen begannen in der damaligen preußischen Armee häufig schon sehr früh. So ergab eine Analyse von 130 zeitgenössischen Generalskarrieren, daß allein 85 spätere Generale im Alter zwischen zwölf und vierzehn Jahren als Offiziersanwärter in die Armee eingetreten waren. Dreizehn weitere Generale waren bei ihrem Armeeeintritt sogar erst zwischen neun und elf Jahr alt.

Insofern bewegte sich Carl v. Clausewitz mit seinen 11 Jahren und 11 Monaten als Eintrittsalter in die Armee im damaligen Durschnittsalter der späteren Generale.

In der preußischen Armee des 18. Jahrhunderts war der 01. Juni ein wichtiger Stichtag. An jedem 01. Juni endete das jeweilige Dienstjahr, erfolgten Beförderungen und Auszeichnungen und wurden die Neueinstellungen zum Beginn des neuen Dienstjahres vorgenommen.

Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, das Vater Clausewitz seinen Carl wissentlich um einen Monat „älter machte“, in dem er angab Carl wäre am 01.Juni 1780 geboren. Aus dem Kirchenbuch der Taufkirche von Carl von Clausewitz, der Kirche „Unserer Lieben Frauen“ in Burg, wissen wir, daß dort als Geburtstag des Carl v. Clausewitz der 01. Juli niedergeschrieben wurde.

Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit als sehr hoch ein, das Vater Clausewitz zu dem kleinen „Trick“ griff und das Geburtsdatum von Carl um genau einen Monat vorverlegte um  damit seinen Haushalt um ein Jahr eher finanziell zu entlasten zu können und Carl in der Armee als Offiziersanwärter gut untergebracht zu wissen.

Carl von Clausewitz selbst war davon überzeugt am 01. Juni 1780 geboren worden zu sein. Er schreibt in einem Brief vom 02. Juni 1807 an seine Braut Marie: „ Es war gestern, den 01.Juni, an meinem Geburtstage, als ich Deinen lieben Brief erhielt, und das allein konnte mich daran erinnern; denn bei meinem schlechten Gedächtnisse bin ich mehr als einmal nahe daran gewesen, ihn ganz zu vergessen.“

Auf die Frage, warum die Clausewitz Brüder – Wilhelm und Carl, gerade in einem der renommiertesten Regimentern der damaligen preußischen Armee von ihrem Vater untergebracht werden konnten (trotz das damalig nicht eindeutig geklärten Adelsstandes), gibt es aus unserer Sicht eine einfache Erklärung.

Bei dem Eintritt des älteren Bruders Wilhelm im Jahr 1787 in das Infanterie-Regiment 34, war der damalige Regimentskommandeur ein gewisser Oberstleutnant Gustaf Detlof von Hundt.

Eben dieser Gustaf Detlof von Hundt war kein geringerer als  der (Stief) Opa von Wilhelm und Carl von Clausewitz, also der Stiefbruder von Friedrich Gabriel Clausewitz.

Im Jahre 1764 heiratete Juliane Frederike, verw. Clausewitz, geb. Kirste, (die Oma Carls) den preußischen Offizier und Premierleutnant von Hundt, nachdem ihr erster Mann, Carls leiblicher Großvater, 1749 verstorben war.  Der Regimentskommandeur Oberstleutnant Gustaf Detlof v. Hundt verließ zwar 1788 das Regiment, hielt aber trotzdem noch Kontakt  zu der Einheit.  Immerhin konnte Oberstleutnant v. Hundt erreichen, daß seine drei (Stief) Enkel als Gefreiten-Korporale in die preußische Armee aufgenommen wurden.

  1. Die weiteren Beförderungen und militärischen Auszeichnungen Carl von Clausewitz zwischen 1792 und 1831

Vorwegnehmend stellen wir die These auf, daß Carl von Clausewitz während seiner militärischen Karriere zwischen 1792 und 1831 eine für damalige Verhältnisse rasche Entwicklung nahm. Sein Austritt aus der preußischen Armee im Jahre 1812 und der Wechsel zur kaiserlich russischen Armee (dem damaligen militärischen Gegner Frankreich –Preußens 1812) wirkte sich unserer Meinung nach nicht grundlegend negativ auf seine weitere Karriere in der preußischen Armee aus.

Ale junger Mann war Clausewitz sehr ehrgeizig. Seine Hoffnungen unterschieden sich kaum von denen zahllosen jungen Offizieren in allen Armeen. doch wie die meisten von ihnen mußte auch er allmählich einsehen, daß er niemals an die höchste Stelle als Herrführer aufrücken würde. Trotzdem beurteilte er selbst sein militärisches Vorwärtskommen als zufriedenstellend. Nur 1812, als er sich entschied seinen Abschied aus der preußischen Armee zu nehmen und Preußen zu verlassen, gab es naturgemäß in der preußischen Armee erstmal einen Stillstand. Jedoch wurde er aus der preußischen Armee als Major kommend in die russische Armee sofort mit einer Beförderung zum Oberstleutnant übernommen. Im September 1813 sollte er nach dem Gefecht tan der Göhrde zum Oberst der russischen Armee befördert werden. Unter diesen Umständen war es nicht selbstverständlich, das Clausewitz 1814 mit dem in der russischen Armee erworbenen Rang des Obersten wieder in die preußische Armee zurückübernommen wurde. Am 22. April 1815 wurde Clausewitz zum Generalstabschef des III. preußischen Armeecorps unter General von Thielmann ernannt. nur drei Jahre später, am 19. September 1818 wurde er zum (damals jüngsten) Generalmajor der preußischen Armee befördert.

Um ein Verständnis für die damaligen Aufstiegsmöglichkeiten im Militärwesen zu bekommen, möchten wir an dieser Stelle die damalige Dienstgrad- und Funktionstabelle der preußischen Armee vorstellen.

 

Dienstgrad Funktion
Stabsoffiziere
General der  Infanterie Chef einer Armee-Einheit

 

Generalleutnant

 

Chef von 2-3 Brigaden
Generalmajor Chef einer Brigade (2-3 Regimenter)

Regimentschef

Oberst Bataillonskommandeur

1. Bataillon

Oberstleutnant Bataillonskommandeur

2. Bataillon

Major

 

Stabsoffizier und Kompaniechef
Oberoffiziere
Kapitän (Hauptmann)

 

Kompaniechef
Stabskapitän

 

stellv. des Kapitäns, Kompaniechef
Premierlieutenant Inhaber der älteren Leutnantsstelle,

Zugführer

Secondelieutenant Inhaber der jüngeren Leutnantsstelle, Zugführer
Fähnrich

 

 

Zugführer
Unteroffiziere
Gefreiten – Korporal Fahnenträger und Offiziersanwärter
Feldwebel Vertrauensmann der Mannschaft
Sergeant Ausbilder
Korporal Ausbilder
Mannschaften
Gefreiter Uffz. Gehilfe
Musketier Soldat

Die Beförderungen Carl von Clausewitz:

 

Dienstgrad Datum der Beförderung/

 Alter

 

Bemerkungen

Stabsoffizier
General der  Infanterie
Generalleutnant

 

Generalmajor 19.09.1818

(mit 38 Jahren)

Damit war Clausewitz einer der jüngsten Generale.
Oberst 22.09.1813

(mit 33 Jahren in der russischen Armee)

Boyen: 41 Jahre

Grolman: 36

Krauseneck: 39

Gneisenau: 49

Oberstleutnant Mai 1812

(mit 31 Jahren in der russischen Armee))

 

Major

 

29.08.1810

(mit 30 Jahren)

Boyen: 37 Jahre

Grolman:   30

Krauseneck: 35

Gneisenau: 46

Oberoffizier
 

Kapitän (Hauptmann)

 

21.02.1809

(mit 28 Jahren)

Boyen: 36 Jahre

Grolman:  30

Krauseneck: 32

Gneisenau: 35

 

Stabskapitän

 

02.11.1805

(mit 25 Jahren)

Premierlieutenant  September 1803

(mit 23 Jahren)

Secondelieutenant 05.03.1795

(mit 14 Jahren)

 

Fähnrich

 

20. Juli 1793

mit 13 Jahren

Unteroffizier
Gefreiten – Korporal 01.Juni 1792
Feldwebel

Eine Statistik der Beförderungszeiten in der Friderizianischen Armee nennt folgendes durchschnittliches Lebensalter bei Erreichen der einzelnen Dienstgrade  bei den klassischen Waffengattungen (Infanterie, Kavallerie):

 

 

Dienstgrad

laut Statistik erreicht mit … Jahren Clausewitz erreichte den Dienstgrad mit … Jahren
Diensteintritt

Gefreiten-Korporal

14 Jahre 12 Jahre

preuß. Armee

Fähnrich 16 Jahre

 

13 Jahre

preuß. Armee

Leutnant 30 Jahre

 

14 Jahre

preuß. Armee

Capitän

(Hauptmann)

39 Jahre 28 Jahre

preuß. Armee

Major

 

49 Jahre

 

30 Jahre

preuß. Armee

Oberstleutnant

 

56 Jahre 31 Jahre

kaiserl.-russische Armee

Oberst

 

58 Jahre 33 Jahre

kaiserl.-russische Armee

General

 

60 Jahre 38 Jahre

preuß. Armee

 

Wenn man ein mittleres Diensteintrittsalter von 14 Jahren unterstellt, war der Oberstleutnant im Durschnitt 50 Jahre, der Major 43, der Hauptmann 39, der Leutnant 30 und der Fähnrich 27 Jahre alt.

In der Armee Friedrich des II. blicken die Generale zum Zeitpunkt ihrer Beförderung zum General in der Regel auf 52 Dienstjahre zurück waren also im Schnitt 68 Jahre.

Diese Werte wurden für die Armee Friedrich des II. ermittelt.

Vergleicht man diese durchschnittlichen Werte mit der Karriere Carl von Clausewitz, fällt doch die rasche Beförderung von Clausewitz auf.

 

Thiel-Jahrbuch Maries letzte Jahre und Tod